Die Werke des US-amerikanischen Künstlers Grant Mooney zeigen eine Dimension von Material, die Materialität nicht als autonome Eigenschaft eines Stoffs begreift, sondern vielmehr als Effekt eines Gefüges, in dem materielle, körperliche und diskursive Kräfte ineinandergreifen und sich gegenseitig hervorbringen. Materie ist hier nicht passiv geformt, sondern wirkt selbst formgebend und erzeugt Bedeutung. Sie ist gewissermaßen eine aktive Mitspielerin in ästhetischen Erkenntnis- und Erfahrungsprozessen.

Die Ausstellung sum ist die erste Museumsausstellung des Künstlers in Europa und zugleich eine Einzelausstellung, die sich in ein Projekt mit Werken anderer Künstler:innen erweitert. Mooney erzeugt mit seinem beziehungsreichen Skulpturenbegriff ein Feld aus Strömungen und Flüssen zwischen Objekten aus der Sammlung des Museums Abteiberg, ausgewählten historischen Werken und Arbeiten anderer zeitgenössischer Künstler:innen. In dieser generationsübergreifenden Konstellation untersucht sum das Verhalten von künstlerischen Materialien seit den 1960er Jahren und erzählt von der Entwicklung von skulpturaler Praxis der Gegenwart.

Die Ausstellung rückt Transformationsprozesse in den Vordergrund und offenbart vielschichtige Zusammenhänge und Wechselbeziehungen von Materialien, während diese sich von Substanz zu Form wandeln. Die daraus resultierende Anordnung regt dazu an, grundlegende Kategorien von minimalistischer Skulptur und Konzeptualismus wie Gewicht, Dichte und Masse neu zu denken – nicht als feste Eigenschaften, sondern als veränderliche Zustände, die durch immaterielle Kräfte wie biochemische Prozesse und atmosphärische Veränderungen geprägt sind.

Mooney ist beispielsweise interessiert an Fett, als einem Material, das über seine soziale Bedeutung oder seinen stigmatisierten Zustand hinausgeht und als physikalischer Wirkstoff an Prozessen der Energiespeicherung, des Wärmeerhalts und physiologischen Reparatur beteiligt ist. Und so erinnert die Ausstellung an Rückstände von Joseph Beuys’ Plastik Unschlitt/Tallow (1977) im Museum Abteiberg, die dort von 1982 bis 1996 zu sehen war, sowie an Beuys‘ Fettecken und Fettwinkel. Fett und seine Mischungen sind Materialien, die Wärme im Körper erzeugen und speichern und bei Beuys auch die Aufweichung von Grenzen, die Möglichkeiten von Transformation meinten. Als Silberschmied und Verarbeiter von Metallen spielt bei Mooney das Wechselspiel zwischen Kälte und Wärme sowie das darin liegende Potenzial der Transformation eine ähnliche Rolle wie in Beuys‘ Wärmebegriff – ein Prinzip, das dialektisch angelegt ist und stets Körper und Geist, Sinnliches und Übersinnliches, Leben und Bewegung, Denken und Veränderung und damit eine große Metapher von plastischer Energie meint.

sum versammelt eine Vielzahl skulpturaler Praktiken und Verfahren, wie Schmelzen, Gießen, Schweißen, Löten, (Zer-)Schneiden, sowie auch plastische Prozesse: Kräfte, die unsere physische Welt bestimmen, jedoch häufig unsichtbar bleiben, wie etwa Energie, Schwerkraft und Magnetismus. Sie werden in der Ausstellung zu Substanzen, die Form und Bedeutung und das Arrangement an Werken mitbestimmen. So wird ein Materialverständnis zum kuratorischen Prinzip.

Ähnlich verhält es sich mit Mooneys Installation sphere music – eines gemeinsam mit der Chisenhale Gallery in London produzierten Werks, das Luft und ihre Bewegung als eine Substanz sichtbar macht. Protagonistin dieser Arbeit ist eine vom Künstler entworfene Harfe auf dem Dach des Museums, die nicht durch Berührung, sondern durch die elementare Kraft der Luft in Schwingung versetzt wird. Wie dieses Instrument geben auch die anderen Werke auf unterschiedliche Weise Handlungsmacht ab. Sie öffnen sich der Auflösung und der Veränderung. Das Darin- und Dazwischenliegende, das Flüchtige und Unmessbare wird zu einem Bezugspunkt. In dieser Ausstellung wirken Materialien und Formen, Absichten und Zufälle gleichermaßen an der Formwerdung mit – sie artikulieren neuartige sinnstiftende Kräfte und Bewegungen.

Die Ausstellung sum wurde gemeinsam von Alke Heykes und Grant Mooney entwickelt.

FÜHRUNGEN

Sonntag, 3. Mai, 11:30 und 15:30 Uhr
Rundgang mit Corinna Greven

Sonntag, 17 Mai, 14 Uhr (Internationaler Museumstag)
Rundgang mit Kai Welf Hoyme

Donnerstag, 21. Mai, 18 Uhr
Kuratorenführung mit Alke Heykes

Sonntag, 7. Juni, 11:30 und 15:30 Uhr
Rundgang mit Corinna Greven

Sonntag, 14. Juni, 11:30 Uhr
Rundgang mit Tamara Herbers

Sonntag, 5. Juli, 15:30 Uhr
Rundgang mit Corinna Greven

Sonntag, 12. Juli, 11:30 Uhr
Rundgang mit Tamara Herbers

Sonntag, 13. September, 11:30 Uhr
Rundgang mit Tamara Herbers

Die Ausstellung wird großzügig gefördert von der Kunststiftung NRW und der Hans Fries-Stiftung.

sum zeigt unter anderem eine neue Werkgruppe von Grant Mooney, die von der Chisenhale Gallery, London zusammen mit dem Museum Abteiberg beauftragt und produziert wurde. Die Werke waren in der Chisenhale Gallery vom 26. September – 7. Dezember 2025 in der Ausstellung sphere music zu sehen.

Das Museum Abteiberg dankt der Galerie Miguel Abreu, New York für die Unterstützung.

Abb.: Grant Mooney, sum, Installationsansicht, Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 2026. Courtesy der Künstler und Museum Abteiberg. Foto: Studio Kukulies