Kerckhoven

Das Einwirken von Medialisierung, Digitalisierung, Technologie, Wissenschaft, den Vorstellungswelten von künstlicher Intelligenz auf unser heutiges Ego ist sehr früh von der belgischen Künstlerin, Performerin und Musikerin Anne-Mie Van Kerckhoven (*1951) thematisiert worden. Rund vierzig Jahre umfasst inzwischen ihr multimediales Werk, in dem Selbstbetrachtung, komplexe interdisziplinäre Theorien, alte Mystik und neue Forschungsfelder zusammenkommen.
Im Werk von Anne-Mie Van Kerckhoven geht es um ein menschliches Gehirn, das die Komplexität und die absurden Widersprüche des 20. Jahrhunderts sehr jung schon wie invasiv verinnerlicht hat. Die Phänomene der Manipulation in der Filmmontage. Die Indoktrinationen durch Bilder, die künstliche Collagen sind. Phänomene vemeintlicher „Gegenwart“, die weh tun. Es geht um das Un- und Unterbewusste, die Versenkung in das Innere des Denkens, in die Evolutionen dieses Denkens, ausgestülpt bzw. visualisiert durch Zeichnungen, Diagramme, bearbeitete Fotografien und Texte. Eine wenig bekannte Vorläuferschaft und Aktualität wird in der Ästhetik Van Kerckhovens sichtbar: Bereits seit den frühen 1980er-Jahren gilt hier die parallele Existenz bzw. auch die Montagefähigkeit von analogen und digitalen künstlerischen Medien.

Die in Antwerpen lebende Künstlerin studierte in den 1970er-Jahren Grafikdesign und beschäftigte sich parallel mit philosophischen und naturwissenschaftlichen Theorien. Sie arbeitete dabei zunächst im Medium der Zeichnung – dem Medium, das sie damals mit dem Vorteil der leichten Kommunikationsfähigkeit und Multiplizierbarkeit/Verbreitung verband – und erweiterte es im Laufe der Jahre hin zu einem Instrument für multimediale, räumliche und filmische Darstellungen von Gedanken, Emotionen, Innenwelten. In den frühen 1980er-Jahren begann eine intensive Zusammenarbeit mit dem Neurowissenschaftler Luc Steels und dessen Institute for Artificial Intelligence (Brüssel, heute Paris), wodurch Bildsprachen bestimmend wurden, die durch wissenschaftliche Bildverfahren geprägt sind: Diagramm, zeichnerische Animation, Text-Bild-Schema.
Der historische Beginn dieses künstlerischen Werks liegt in der Gegenkultur von Punk, Feminismus und einem generationstypischem Anti-Akademismus, der einerseits Pop- und Trash-Ästhetik, andererseits eine hochkomplexe Inhaltlichkeit und neue gedanklich-künstlerische Strukturen hervorbrachte:

„Zu dieser Zeit las ich gleichzeitig de Sade und Wittgenstein in Kombination mit Wissenschaftsmagazinen. Die Erklärung meiner Arbeit wurde zu einer zweiten Version meiner Arbeit. Und mein eigenes Gehirn wurde zum Gegenstand meiner Kunst. Die Impulse, die mich dazu brachten, Dinge zu tun, rückten ins Zentrum meines Interesses. Einfluss, Bestimmung, Schicksal, das Soziale, die Moral – alles, was das Handeln der Leute antreibt, wurde zu meiner Inspiration. Als Gegengewicht zu den Bildern begann ich damit, Bilder aus den Massenmedien zu verwenden. Ich sammelte jedes Magazin, das ich mir leisten konnte, und nutzte die ganze ‚Oberflächlichkeit’ dazu, um unter der Oberfläche nach Strukturen, Sparten und Systemen zu suchen.“
(aus: Anne-Mie Van Kerckhoven, Das Abstrakte ist keine sexuelle Stimulanz, 1995)

Das Werk von Anne-Mie Van Kerckhoven führt vom heutigen Phänomen exzessiver Selbstbetrachtung (omnipräsent u.a. im Medium der ‚Selfies’) zurück in die unsicheren Zustände des Denkens, gewissermaßen ‚unter die Oberfläche’ unserer Ideal- und Wunschportraits. In Van Kerckhovens ‚futuristischer’ Perspektive der 1970er- und 1980er-Jahre – trashigen, gebrochenen, dennoch auf eine Zukunft gerichteten Bildern (AMVK: Es waren „phantasies about the future“; erneute Rezeptionen der Sci-Fi-Ästhetik der 1960er-Jahre in den 1980er-Jahren) – ergibt sich eine interessante Beziehung zum Zukunftsbild in künstlerischen Bild- und Textwelten der heutigen Zeit. Das titelgebende Zitat „What Would I Do in Orbit?“ ist Material aus Anne-Mie Van Kerckhovens Jugend in den 1960er-Jahren (Montage oben: Brigitte Bardot im Flugzeug um 1964) und ihren künstlerischen Anfängen um 1980 (=Basic), worin sich Flucht- und Freiheitsvorstellungen mit Selbstbefragung waren (Der Werktitel war appellativ: „What Would Y o u Do….“, Ausstellungstitel reflexiv „What Would I Do…“).

Anne-Mie Van Kerckhoven realisierte im Museum Abteiberg eine Ausstellung mit eigenen Wänden und Bildhängestrukturen, die in zwölf Kapiteln (Ausdrucksebenen) Werke aus allen Werkphasen zeigte, neue mit frühesten Arbeiten verband, dabei Malerei, Zeichnung, Collage, Materialien wie Plastik, Folien, fluoreszierende Farben, Kopiertechnik und Computeranimation zusammenbrachte und jeweils eine filmische Animation ins Zentrum setzte. Der räumliche Aufbau wurde zu einer abstrakten Installation des inneren Denkens. Im Rahmen der Ausstellung stellte Anne-Mie Van Kerckhoven drei Bereiche ihrer Auseinandersetzung mit eingeladenen Gästen dar: Zusammen mit dem Performance-Künstler Danny Devos realisierte sie ein Konzert ihrer seit 1984 aktiven Performance-Band „Club Moral“. Der Neurowissenschaftler Luc Steels, Leiter des Institute for Artificial Intelligence, kam zu einem Vortrag und interdisziplinärem Gespräch, ebenso die belgische Feministin, Theoretikerin und Aktivistin Marthe van Dessel.

Anne-Mie Van Kerckhoven stellte früh im ICC Antwerpen, im Künstlerhaus Hamburg oder auch im Los Angeles Museum of Art aus, zudem in vielen Galerien und Off-Spaces. Seit 2000 Einzelausstellungen u.a. Neuen Aachener Kunstverein NAK und Kunsthalle Bern (2004/05), WIELS in Brüssel (2008), Kunsthalle Nürnberg (2009), Renaissance Society in Chicago (2011), Kunstverein München (2015). 2006/07 lebte Van Kerckhoven für ein Jahr als Stipendiatin des DAAD in Berlin, 2008 Manifesta Trient/Rovereto/Bozen. Weitere Projekte 2016 u.a. Galerie Zeno X, Antwerpen, „Pseudo-Fourier“ bei Solo Shows, Sao Paulo, Brasilien, Biennale de Rennes.

Die Ausstellung wurde realisiert in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Hannover und dem M HKA Antwerpen. Sie wurde ermöglicht durch eine großzügige Unterstützung des Ministeriums für Kultur, Jugend, Sport und Medien in Flandern, der Kunststiftung NRW und der Hans Fries-Stiftung.